Kolloide und Marmore

 

Marmore gehören zu denjenigen Gesteinen, deren Morphologie starke Assoziationen mit teigig-gallertigen Konsistenzen weckt. Ihre Muster vermitteln den Eindruck, dass die Verformung in einem plastischen bis halbharten Milieu stattgefunden habe.

Nach geologischem Verständnis sind die Marmore Kalk-Sedimente (Primäre Kalkablagerungen oder Ablagerungen von erodierten Kalkstücken und -körnern), die unter großem Druck, erhöhter Temperatur und teilweiser Wasserhaltigkeit im festen Zustand langsam verformt worden sind. Am Ausgangspunkt steht also ein hartes, "fertiges" Kalkgestein der heutigen Art, das durch Regionalmetamorphose (Versenkung in Zonen mit großem Druck und erhöhter Temperatur) oder Kontaktmetamorphose (Annäherung oder Berührung durch aufsteigende Magmakomplexe) umgewandelt worden ist.

Lässt man die Formen gewisser Marmore indessen rein äußerlich auf sich wirken, dann können bezüglich der langsamen, pseudoplastischen Deformation im harten Zustand oder der magma-nahen Aufweichung Zweifel auftreten. Man hat den Eindruck, die Masse sei in einem bestimmten Stadium halbfest bzw. hart-gallertig gewesen und dann gezerrt und gedehnt worden, wobei gleichzeitig hellere Flüssigkeitsanteile das Ganze durchdrangen, bzw. helle Ausfällungen aus enthaltener Mineral-Lösung die Risse füllte, so dass ein filigranes Netz mit "fließenden" Formen entstand.

Die Bilder der linken Kolonne zeigen, wie marmorartige Strukturen in dickflüssigen, teilweise verfestigten Kolloiden entstehen können: In halbverfestigtes Gel wurden andersfarbige Kolloide oder Flüssigkeiten eingebracht. Die rechte Bildkolonne zeigt zum Vergleich echte Marmore aus verschiedenen Regionen.

Experimente mit Gel (Agar)kopie_von_04_kolloide_und_marmore_01.jpg Marmor, Piemont, Italienkopie_von_04_kolloide_und_marmore_02.jpg
kopie_von_04_kolloide_und_marmore_03.jpg kopie_von_04_kolloide_und_marmore_04_1.jpg
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Experimente mit Gel (Agar)kopie_von_04_kolloide_und_marmore_07.jpg Marmor, Albanien
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Marmor, Spanienkopie_von_04_kolloide_und_marmore_10.jpg
 
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Dolomitmarmor, Norwegenkopie_von_04_kolloide_und_marmore_12.jpg
 
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Marmor, Griechenlandkopie_von_04_kolloide_und_marmore_14.jpg
 
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Marmor, Italienkopie_von_04_kolloide_und_marmore_16.jpg

Es bleibt anzufügen, dass diese kolloidalen Experimente mit denkbar einfachen Hilfsmitteln durchgeführt werden mussten. Mit einem gewissen technischen Aufwand ließe sich mit Kolloiden wohl nahezu die ganze Marmor-Morphologie präzise nachbilden, was in der Kunststein- und Kunststoffindustrie teilweise auch gemacht wird.

Insgesamt erhält man bei den abgebildeten Marmoren den Eindruck, es müsse der Anteil des enthaltenen Wassers bei der Metamorphose bedeutend gewesen sein, abgesehen davon, dass wohl auch der Druck und/oder die Temperatur hoch gewesen sind.