Kolloide und Quarzkristalle

Dass Bergkristalle hydrothermal entstanden sind, d.h. sich wie viele andere Kristallminerale in heißen, mineralhaltigen Gangwässern während Jahrtausenden auskristallisiert und aufgebaut haben, gehört zum mineralogischen Grundwissen. Gewisse Ouarzkristalle zeigen jedoch Eigenarten, die auf eine Kristallisation aus einer kolloidal-gallertigen Kieselsäuremasse hindeuten könnten. Zunächst kann ein solcher Gedanke absurd erscheinen, aber man betrachte etwas genauer die folgenden drei bekannten Spezialitäten unter den Quarz- bzw. Bergkristallen:

Rutilquarz
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Turmalinquarz
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Phantomquarz
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Die im Bergkristall eingeschlossenen goldgelben Rutilkristall-Nadeln auf den ersten zwei Bildern sind haarbüschelartig gewunden. Auf dem 4. Bild schweben feine Rutilbruchstücke frei in der Bergkristallmasse. Das 5. und 6. Bild zeigt schwarze Turmalinkristall-Nadeln, deren feinste und dünnste Exemplare sich in verschiedene Richtungen verbogen haben wie Haare in einer durchsichtigen Creme.
Bei der konventionellen, hydrothermalen Vorstellung der kontinuierlichen Kristallisation wird davon ausgegangen, dass solche Nadeln, Büschel und Bruchstücke vom Quarz umwachsen worden bzw. gleichzeitig mit dem Quarz gewachsen sind.
Hätte sich die Kristallisation des Quarzes jedoch in einer kolloidal-gallertigen Kieselsäuremasse abgespielt, dann wären die Phänomene etwa so zu erklären: Die Nadel-Büschel und Nadeln hätten sich innerhalb der Kieselsäure gebildet und wären aufgrund von Fliess- oder Verschiebungsbewegungen krumm geworden. Im Falle der feinen Rutil-Bruchstücke vom 4. Bild wären diese von den sich bildenden Rutilsternen (sh. 3. Bild) abgebrochen und im Kieselsäuregel schwebend stecken geblieben. Später dann hätte sich der Bergkristall als Gesamtform auskristallisiert.

Eine ähnliche Frage ergibt sich beim Phantomquarz. Auf den ersten Blick leuchtet die hydrothermale These ein: Der Innenkristall erhielt seine grünliche Haut durch kurzzeitige Anlagerung von Chlorit, dessen Substanz durch die heiße Mineral-Phase herbeitransportiert wurde. Danach wuchs der Quarz trübungsfrei weiter, weil das kieselsaure Heißwasser in dieser Anlagerungsperiode rein war.
Doch die milchig-neblige Ausprägung der grünen Phantomhaut irritiert. Sie erweckt besonders wegen der abstehenden Chloritfragmente und der eingeschlossenen Gasbläschen den Eindruck von "schwankender" Konsolidierung in einer weichen Masse.
Wie hätte sich der Prozess in einer kolloidalen Kieselsäuremasse abspielen können? Das Phantomgebilde hätte sich in der dicklich-flüssigen Masse in einer ersten Periode der Konsolidierung als fragiler, zunächst noch gallertiger Körper mit Chlorithaut gebildet (mit Herbeitransport der Chloritsubstanzen und vielleicht auch der Gasbläschen in der vorbeiziehenden Flüssigkeit). Dabei wären ebenfalls durch Flüssigkeitsbewegungen und Diffusion Teile der Chlorithaut als Fragmente oder neblige Absonderungen in die millimeternahe, ebenfalls langsam dicker werdende Umgebung gedriftet. In einer weiteren Periode hätte sich der Quarz in der jetzigen Außenform konsolidiert, auch wieder zunächst gallertig, um später auszuhärten.

Es existieren viele Bergkristalle, bei denen mehrere Kristallisationsperioden durch dünne Schichten von feinen Unreinheiten oder Gasbläschen festgehalten sind. Hier stellt sich eben die Frage, ob eine stetige atomare Anlagerung von Siliziumdioxid unter periodischem Einschluss von Unreinheiten stattgefunden, oder ob eine gallertige Bildung in sukzessiven, schichtartigen Erhärtungsphasen zu den Schichtspuren innerhalb der Kristalle geführt hat.

Sofern die kolloidale Hypothese etwas Wahres an sich hat, müsste davon ausgegangen werden, dass beide Arten von Formgenese nebeneinander stattgefunden haben: Hier die stetige "atomare" in kieselsaurem Heißwasser und dort die periodisch-phasenweise mit Auskristallisation aus einer hochkonzentrierten, kolloidal-gallertigen Kieselsäuremasse. Womöglich auch mit Übergängen zwischen diesen beiden Extremen.