Die Substanzen als in sich geschlossene Einheiten

Die in der Website betrachteten Gesteinsphänomene könnten die Frage aufkommen lassen, ob bei älteren geologischen Prozessen von Substanzen und Substanzveränderungen ausgegangen werden müsste, die heute so nicht mehr möglich sind. Streng aktualistisch müsste die Frage verneint und gesagt werden, dass selbstverständlich jede in alten Zeiten vorgekommene Substanz und Substanzumwandlung heute nachgebildet werden kann. Dass dies beispielsweise bei Erdöl nicht direkt möglich ist, brauchte dabei nicht zu stören, denn der Satz kann prinzipiell formuliert werden: "Jede in alten Zeiten vorgekommene Substanz und Substanzveränderung könnte heute nachgebildet werden, wenn die Randbedingungen wie Druck, Temperatur und chemische Ausgangslage für einen genügend großen Körper und genügend lange technisch zu bewerkstelligen wären." Wie weit aber strapaziert ein solcher theoretischer Satz die Wirklichkeit? Ist die technische Machbarkeit vielleicht doch unendlich weit von gewissen geohistorischen Gegebenheiten entfernt?

Es kann im Gedankenexperiment versucht werden von einem anderen Blickwinkel auf die Frage der Kontinuität der Substanzen und der Wiederholbarkeit von Substanzveränderungen zu blicken. Die Substanzen könnten als in sich geschlossene Einheiten mit individuellem Charakter betrachtet werden, die beispielsweise erdgeschichtlich gesehen zu einem Auftauchen und Verschwinden ähnlich den fossilen Lebewesen oder zu großräumig irreversiblen Prozessen, ja zu einer eigenen Geschichte fähig waren. Der Begriff der "chemischen Zusammensetzung" und der Atom-Begriff würden dann in einer modifizierten Weise zu verstehen sein. Folgende Geschichte kann dies veranschaulichen:

Bewohner einer fremden Welt besuchen die Erde und finden auf einer am Boden liegenden Steinplatte folgende Zeichen eingeritzt:

SubstanzenAlsEinheit1_300.jpg

Die Besucher merken bald, dass es sich bei den fünf Zeichenreihen um Schriftzeichen handeln muss und versuchen herauszufinden, was sie enthalten könnten. Nach einem kurzen Abzählen sehen sie, dass sich in den unteren vier Reihen von jedem Zeichen eine gleiche Anzahl befindet. Sie vermuten deshalb, es könnte sich je um dasselbe System und auch den gleichen Inhalt handeln. Die Vermutung scheint sich zu bestätigen, als sie bei näherer Untersuchung feststellen, dass alle vier Reihen generell aus vier Dreiergruppen bestehen, die - zwar teilweise vertauscht - für sich wieder dieselbe Art und Anzahl Zeichen besitzen. Die Besucher gelangen zum Schluss, dass es sich bei der dritten und vierten Reihe ungeachtet der winzigen Differenz um den gleichen Inhalt handelt, bei der zweiten und fünften Reihe um einen von den anderen beiden etwas abweichenden, bei der ersten Reihe wegen der völlig anderen Zusammensetzung und Grösse jedoch um einen ganz fremden Inhalt.
Wenn man die Sätze auf der Steinplatte liest, merkt man, wie stark die Besucher aus der anderen Welt neben dem wirklichen Inhalt der Zeichenreihen vorbeigeforscht haben. Weshalb dies? Weil sie in den Zeichen und ihrer Kombination den Inhalt suchten. Der Inhalt ist jedoch etwas den Zeichen und der Kombination Übergeordnetes und lässt sich aus diesen nicht ermitteln. Im obigen Falle beispielsweise gehört der Inhalt der Zeichenreihen dem Sprach- und Gedankenleben der Menschen an. Dieses Gedankenleben ist den alphabetischen Zeichen übergeordnet. Interessant ist nebenbei die fünfte Reihe: sie besitzt keinen Inhalt, obwohl in Bezug auf die "Zusammensetzung" kein einziges Zeichen "fehlt".

Man sehe sich die folgenden Zeichenreihen an:
DAS GUT WAR GESTOHLEN
DAS GUT WAR ABGEBRANNT
Nur ein Mensch kann erkennen, dass die beiden Zeichengrüppchen GUT einen je ganz anderen Inhalt besitzen, obwohl ihre "Zusammensetzung" gleich ist.
Eine ähnliche Problematik ergibt sich, wenn man in der Physik und Chemie grundsätzlich davon ausgeht, die Substanzen erhielten ihre Identität durch die Art, Anzahl und Kombination ihrer kleinsten Teilchen bzw. Teilchengruppen (Moleküle). Wenn man mit anderen Worten davon ausgeht, die Materie sei aus Teilchen (bzw. sich überlagernden Feldzuständen) zusammengesetzt.
Man könnte im Gedankenexperiment auch anders von der Substanz sprechen und sagen, die Stoffe seien in sich geschlossene Einheiten oder Entitäten mit vollgültiger Individualität. Bei Erregung, Bestrahlung, Auftrennung usw. legen diese Entitäten eine Reihe komplizierter, meist rhythmischer Effekte an den Tag. Diese Effekte, in die Tiefe hinein untersucht, zeigen ein verschlungenes System mathematischer Zusammenhänge voller Symmetrie und Sinn. Weil diese Zusammenhänge notwendigerweise mit den Begriffen aus dem menschlichen Alltag umschrieben werden müssen, ist von Teilchen, Wellen, Feldern, Drehungen (Spin), Sprüngen usw. die Rede. Es führen diese Begriffe jedoch automatisch dazu, sich die Materie aus diesen Dingen zusammengesetzt vorzustellen. Es könnte zutreffender sein, zu sagen, die Atome (bzw. die Teilchen, Wellen, Felder usw.) seien die mathematische Antwort auf die experimentelle Frage, was uns eine vollkommen aufgelöste, ihrer stofflichen Qualitäten entäußerte Substanz preis gibt. Mit dieser mathematischen Antwort hat man sich ein präzises, nahezu flächendeckendes Rechenmodell für eine Vielzahl von Verhaltensweisen der Stoffe zugänglich gemacht, aber die Materie selbst bleibt trotzdem die mit bemerkenswert reichhaltigen und symmetrischen (d.h. "sinnvollen") Eigenschaften begüterte, qualitativ definierte Entität. Diese gibt erst unter Verlust ihrer Individualität neue Individuen, sprich chemische Elemente frei.

Kritisch könnte man hier fragen: Ist denn das Haus nicht aus Backsteinen zusammengesetzt?
Die Antwort wäre: Nein, höchstens die nach einem Erdbeben übrig gebliebene Ansammlung von Trümmern ist es teilweise. Das Haus hingegen ist - wenn überhaupt - aus Wänden, Decken und Dachflächen usw. zusammengesetzt, vielmehr noch: es gewinnt seine Realität erst aus der Gesamtheit aller Elemente, bis hin zu den Fenstern und der Eingangstüre. Ohne diese letzteren wäre das Haus kein Haus, noch wenn Wände, Decken und Dachflächen vorhanden wären.
Hartnäckig könnte man endlich fragen: Wie hätte man das Haus denn ohne Backsteine bauen wollen? Die Antwort wäre: mit Holz.

Gibt es empirische Hinweise darauf, dass die Frage der Substanzen und Substanzveränderungen überhaupt so betrachtet werden darf? Vermutlich ja, denn man hat bereits seit längerer Zeit festgestellt, dass in gewissen Stoffen auch Eigenschaften konserviert und übertragen werden können, die mit den chemisch analysierbaren Zerfallsprodukten nichts zu tun haben. Wasser, so zeigt beispielsweise die Empirie der homöopathischen Methode, kann Eigenschaften beherbergen, die ihm von einer Substanz ganz anderer Qualität übergeben worden sind, ohne dass ein Molekül dieser anderen Substanz in dem Wasser verblieben wäre. Entsprechende Experimente wurden vor etlichen Jahren in "Science" oder "Nature" vorgestellt, in denen das signifikant unterschiedliche Verhalten von Bakterienkolonien in speziell behandelten aber chemisch identischen Flüssigkeiten nachgewiesen wurde. Das Phänomen geht hier über die rein chemisch-mathematische Erfassbarkeit hinaus. Nicht dass die transportierten Eigenschaften nicht auch komplexe mathematische oder besser: "entitätische" Gesetze in sich tragen würden, aber die Komplexität des Realen geht an dieser Stelle einfach über die Komplexität des chemisch Berechenbaren hinaus, so dass die Untersuchung der Zerfallsprodukte hier wenig Sinn macht. Es müssen andere Messmethoden angewendet werden, beispielsweise solche, die sich der Selbstorganisation in dissipativen Strukturen bedienen (Tropfenbilder, Kapillarbilder, Kristallisationsmuster). Solche Strukturen fern vom Gleichgewicht können sich als hochempfindlich für allfällige transportierte Eigenschaften erweisen.

Im Zusammenhang mit alten geologischen Prozessen (beispielsweise des Archaikums oder des Proterozoikums) kann hier wenigstens im Gedankenexperiment und auf der Stufe einer Arbeitshypothese an solche Substanzen gedacht werden, deren Andersartigkeit zwar eine chemische Berechnung von unserer heutigen Warte aus extrem erschwert oder verunmöglicht, an die man sich aber qualitativ anzunähern versuchen kann. In den verschiedenen Teilen der Website geschieht eine solche Annäherung auf dem phänomenologischen Weg. Dabei werden Phänomene und Qualitätskomplexe vor allem morphologischer Art ins Visier genommen. Um die aufgestellten Thesen auf ihre mögliche Gültigkeit hin zu prüfen müssten die vergleichenden Experimente allerdings verfeinert und hier noch nicht beachtete weitere Phänomene (im Makro- wie im Mikrobereich) hinzugenommen werden.